juckplotz

Anonyme Aggressivität und einseitige Bildung dank Internet

In Allgemein on 26. März 2012 at 17:27

Bundestagspräsident Lammert hat gegenüber dem Magazin „Spiegel“ die Aggresivität in Onlineforen angesprochen. Er ist besorgt über die „Art der Auseinandersetzung, die in Aggressivität, Wortwahl und Tonlage die Grenzen überschreitet“.
Dies sei vor allem der Anonymität geschuldet, die bei Internetforen gegeben ist.
Auch die Wirkung der Massenmedien auf das Bewusstsein ändert sich laut Lammert, dass sich die Nutzer von Onlinemedien die Informationen selbst zusammenstellten, bewusst nach etwas suchten und nicht, wie bei den klassischen Medien die Informationen aufnehmen, die andere wichtig fänden.

Beide Thesen sind sehr interessant und haben mich zum Nachdenken gebracht.
Bin ich im Netz anders als im Umfeld, in welchem man mich kennt?
Informiere ich mich wirklich einseitig, wenn ich nur noch „Internet“ und keine Zeitung mehr lese?Was bestimmt jedem auffällt, der sich Rat in Foren holt, ist die Art, wie man zurechtgewiesen und teilweise recht rüde abgefertigt wird.
Dies ist auch der Grund, weshalb ich sehr selten in Foren „poste“, sondern erst einmal mein Glück dahingehend versuche, ob jemand schon mal eine ähnliche Frage gestellt hat.
Ob der Ton im Internet anders ist als „im wirklichen Leben“ kann m.E. nicht so einfach beantwortet werden. Zum Einen schreiben im Internet Menschen, die sich bestimmt in ihrem „anderen Leben“ nie hinsetzen würden und einen Brief schreiben, und zum Anderen trifft sich im Internet die gesamte Masse der Bevölkerung durch alle Schichten der Bildung und Erziehung.
Gehen wir doch mal mit offenen Ohren durch die Strassen oder über eine öffentliche Messe (Heim und Haus, oder wie die alle heissen). Dort hören wir, wie Menschen, die sich kennen, miteinander umgehen. Eltern mit Kindern, Kinder mit Eltern, Partner untereinander, usw. Auch dieser Ton hat sich geändert. Vielleicht waren abfällige Bemerkungen untereinander schon immer da, aber sie waren bis vor einiger Zeit für die Öffentlichkeit tabu. Heute ist in Deutschland die latente Aggressivität längst an die Oberfläche gekommen. Sei es im Strassenverkehr (auch da verstärkt durch die vermeintliche Schutzhülle des Autos, hinter dem man auch scheinbar anonym ist), oder auch bei „Wühltischkämpfen“ und „Schnäppchenschlachten“.

Der anonyme Raum Internet ermöglicht es, sich richtig in Position zu setzen. Das als „Stammtischgehabe“ charakterisierte Verhalten ändert sich im Internet vom „über andere schimpfen“ zu „andere direkt angreifen“, aber der Charakter des Menschen ändert sich durch das Internet nicht.
Der Mensch, der seine Mitmenschen achtet, wird auch im Internet Worte finden, die nicht verletzen, und da muss er nicht unbedingt ein guter Meister der Schreibe sein.
Zum anderen Thema:  Ist Internet eine einseitige Informationsquelle, weil ich nur die Themen suche, die mich interessieren?
Ich denke, auch dies ist zu kurz gegriffen. Wenn ich mich vor der Internetzeit informiert habe, dann habe ich mir die Zeitungen und Zeitschriften gekauft, die meinen Interessen entgegenkamen. Auch die Art der Tageszeitung habe ich dementsprechend ausgewählt. Wir haben in der Schule noch gelernt, wie man „Konservative“ und „Sozialdemokratische“ Zeitungen allein am Schriftbild der Überschriften erkennt. Und den Sportteil habe ich in der Zeitung immer überblättert.
Klar, das Radio lief den ganzen Tag und die allgemeinen Informationen wurden mehr oder weniger aufgenommen. Aber auch da hat man sich die Sender gesucht, die einem gelegen waren. Später war dann kein Autoradio mehr ohne Kassette und danach ohne CD Player. Also Themen nach eigenem Geschmack; Konserven, zusammengestellt wie ich sie mag.
Das Internet bietet meinen Interessen eine grössere Informationsplattform als alle „historische Medien“ zusammen, aber mein Interesse an Vorgängen ausserhalb meiner Faibles hat dadurch nicht abgenommen, im Gegenteil. Dinge, die in den Nachrichten in 15 Sekunden abgehandelt werden, verleiten mich zum Nachlesen im Internet.

Ich habe letztens einen Spruch gelesen, der mir sehr gut gefallen hat:
„Das Internet macht die Menschen nicht dümmer, es zeigt die Dummheit der Einzelnen nur weltweit“ – Übertragen gilt dies bestimmt dann auch auf die erste These, dass Menschen aggresiver werden…

Wie denken Sie darüber? Die Kommentarfunktion ist freigeschaltet, wird aber moderiert, wegen „siehe oben“

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  1. Ich empfehle die Lektüre von „The Filter Bubble“ von E. Pariser.. es ist interessant zu erfahren, dass das Internet eben nicht das große weite Meer der freien Informationen ist, sondern dass die Informationen so aufbereitet werden, dass man das findet, was andere für einen als „findenswert“ erachten. Facebook und viele weitere „Netzwerke“ spielen dabei eine große Rolle, die ebenfalls zeigen, dass die freie Suche im Netz ein immer mehr verschindender Traum für viele ist.

    Fragen wir einmal im Freundeskreis, wieviele Suchmaschinen hier im Einsatz sind. Die meisten werden weit weniger als zwei aufsagen können.

    Das Netz gaukelt viel zu oft mit seiner vermeintlichen Masse eine Mehrheit vor. Masse ist aber keine Mehrheit. Nur die subjektive Wahrnehmung macht daraus eine Mehrheit.

    Medienkompetenz schwindet mehr und mehr auch und vor allem durch die Verwendung des Internets. Wer weiß denn schon noch wie da funktioniert? Besonders die Generation die damit aufgewachsen und hineingewachsen ist?

    Was den Umgangston angeht, so denke ich, dass der Ton rüde geworden ist. Aus einem Grund: Es kann und darf jeder eine Äusserung tätigen. Gefiltert wird hier nichts (im Gegensatz zu den Massenmedien).

    Schlimmer als früher? Nein. Nur „hören“ wir sie jetzt. Früher hatten wir kein Ohr für diese Menschen… Jetzt stolpern wir drüber… eben im Netz.

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