juckplotz

Das Reich der Mitte(l) – oder: Pecunia non olet

In Allgemein on 5. Februar 2012 at 10:05

Geld regiert die Welt, oder eben „Geld stinkt nicht“, wie die Übersetzung des lateinischen „Pecunia non olet“ lautet.

Es scheint, als ob die Themen Menschenrechte und Raubkopien sich hinter der Macht des Geldes einzureihen haben. Wie ist es denn sonst zu erklären, dass zum wiederholten Male eine Delegation deutscher Politiker und Industrieller nach China reist, um für Investitionen in Europa zu werben?

Chinas Führung hat beim fünftägigen Besuch der Delegation mit Bundeskanzlerin Angela Merkel klar gemacht, wer „das Sagen“ hat. Das Treffen mit den Regimekritikern wurde abgesagt, aber China kann sich vorstellen, den europäischen Rettungsschirm zu stützen.

Liebe Verantwortlichen in Deutschland und Europa: Bitte habt ein Mindestmass an Moral bei eurem Handeln auch in wirtschaftlichen Belangen. In einer Zeit, in welcher zunehmend das Schlagwort „Soziale Verantwortung“ (wieder) Bedeutung gewinnt oder gewinnen soll, ist eine finanzielle Beteiligung Chinas sowohl am europäischen Rettungsschirm als auch in europäischen Firmen bestimmt nicht das, was man „richtungsweisend“ nennen kann… oder doch? Dann weiss ich wenigstens, in welche Richtung wir gehen.

Seit Jahren wird über die Aufnahme der Türkei in die EU diskutiert. Sie wird abgelehnt, weil die Türkei erst noch „Hausaufgaben“ im Bereich der Menschenrechte machen muss. Sie wird abgelehnt, weil die Kultur der Türkei nicht mit der der übrigen EU Länder vergleichbar ist.

Wir können von China nicht Geld nehmen und trotzdem die dortigen politischen Gegebenheiten kritisieren. Dies hat der letzte Besuch von Angela Merkel gezeigt.

Und es scheint so, als ob wir lieber das Geld nehmen und den Mund halten, als weiterhin den Mund aufmachen und die Missstände anprangern. – Europa wird mundtot gekauft und freut sich auch noch.

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  1. Nur mal als Gedankenspiel: Welche Geräte und Produkte finden wir in unserer direkten Nähe, die den Hinweise „Made in China“ oder „Assembled in China“ tragen. Konsequenz würde bedeuten, diese Produkte zu meiden … durch den Kauf derartiger Produkte das (Wirtschafts)system China nicht zu unterstützen. Denn das System gibt China die oben beschriebene Macht …

    Frage: Sind wir Einzelnen konsequent?

    • Handel mit anderen Ländern zu treiben, heisst nicht zwangsläufig, sich nicht gegenüber seinen Handelspartnern artikulieren zu dürfen. Natürlich -und da bin ich mit dir einig – müssen wir uns fragen, ob wir auch bereit wären, Handelsbeziehungen aufzukündigen, wenn bestimmte Faktoren einträten.
      Mir geht es jedoch nicht um die normalen Handelsbeziehungen, die jedem Land eine gewisse Souveränität geben. Mir geht es auch nicht darum, dass ein Unternehmen in Europa von „China“ gekauft wird, sondern um die Situation, dass ein Land, dessen Rechtsauffassung sich nicht mit der Auffassung Europas deckt, den europäischen Rettungsschirm unterstützen will und dies nicht auf Ablehnung stösst. Dies ist weit mehr als ein Produkt „Made in China“ zu kaufen…
      Meint
      Jörg

      • Wenn der Handel mit diesen Systemen für dich legitim ist, dann ist die Unterstützung unserer Wirtschaft durch dieses Landes auch legitim, da dieses ja das Pendant der Handelspartnerschaft darstellt. Und somit wird der Handel gesichert.

        Etwas anderes ist der Rettungsschirm nicht… als eine Sicherung der Wirtschaft.

        Es gibt keinen normalen und nicht-normalen Handel. Handel ist Handel. Und wenn die Wirtschaft bei uns mehr uns mehr von China abhängig ist, so ist sie es auch von deren Gesamtsystem. Denn Wirtschafts- und Politiksysteme sind eng verwoben.

    • Wir sind sicher nicht kosequent. Zwar gibt es bei vielen Produkten keine Alternativen, da eben fast überall „Made in Global Countries“ drin ist und wir nicht mal beim Kauf von Schokolade sicher sein können, ob der Kakao aus einem „ordentlichen afrikanischen Land“ kommt.
      Der Grund für meinen Artikel war nicht, alle Handelsbeziehungen einzufrieren, was absolut nicht geht und m.E. auch nicht zu einer Verbesserung der Menschenrechte in den jeweiligen Ländern führt. Ich frage mich allerdings, ob wir wirklich Länder zu Investitionen bei uns auffordern sollten, so lange wir nicht mit den Praktiken in den Ländern einig sind.
      Natürlich hast du Recht, Claus, aber erweitern wir den Einfluss Chinas auf Europa nicht unüberlegt? Bis jetzt bezahlen wir für Produkte, im Extremfall könnten wir ja noch entscheiden (fiktiv), ob wir sie wollen oder nicht. Wenn China (und es sind keine Firmen wie bei uns, sondern staatliche Institutionen) in unsere Firmen, in unsere Infrastruktur investiert, sind wir Teil von China.
      Oder sehe ich das zu extrem?

  2. Zu Deinen Aussagen bzgl. des Beitritts der Türkei zur EU: Es ist nicht so, dass er abgelehnt wird, ‚weil die Kultur der Türkei nicht mit der übrigen EU Länder vergleichbar ist‘.

    Die Türkei ist ein Beitrittskandidat, der in verschiedenen Aspekten dem ‚Screening‘ unterliegt. In den entsprechenden Fortschrittberichten der EU kann man genau nachlesen, welche Gründe momentan noch gegen einen Beitritt sprechen. Dies sind nicht kulturelle Unterschiede zu den EU Ländern, sondern im Wesentlichen fehlende Verpflichtungen im Rahmen der Zollunion mit der EU, die Normalisierung des Verhältnisses zu Zypern und die Umsetzung der Verfassungsänderungen.

  3. Hallo Frank,
    in meinem Beitrag geht es in erster Linie um die für uns so selbsverständlichen Rechte. Und da ist sich die EU einig, dass bei der Türkei auch noch einiges geleistet werden muss. Auf die Anerkennung Zypern etc. bin ich bewusst nicht eingegegangen, da dies ein anderes Thema ist. Die „kulturellen Unterschiede“ sind kein offizielles EU Kriterium und wurden von mir nur deshalb angefügt, weil seit vielen Jahren immer wieder – vor allem Politiker aus dem konservativen Lager – auf diese Unterschiede hinweisen.
    Dies unterstütze ich nicht, ich frage mich nur, warum diese Fragen bei einem Angebot von China nicht mindestens so laut – und populistisch – diskutiert werden.
    Aber mir geht es in erster Linie um die Frage, ob wir uns im Klaren sind, was eine Unterstützung Chinas beim EU Rettungsschirm für uns Europäer in puncto Unabhängigkeit auf dem gloabalem Politikparkett bedeutet.

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