juckplotz

In der Ruhezone hört dir jeder zu – garantiert

In Allgemein on 7. Juni 2016 at 23:46

Da sitze ich nun glücklich auf meinem reservierten Platz, ICE zweiter Klasse. Sparpreis, BahnCard 25, alle Register gezogen. Online gebucht, sogar Sitzplatz ausgesucht. Bewusst in der „Ruhezone“, also da, wo kleine Schaubilder auch denen, die des Lesens nicht mächtig sind, zeigen „Bitte Ruhe“, „Kein Mobiltelefon“.
Ich mag das, die Ruhezone, wenn sie denn mal ruhig ist.
Es war ruhig, bis ein Schmalspurmanager zugestiegen ist. Rollkoffer, oder auch Trolley genannt hinter sich her ziehend, steuert er den Platz am Tisch des Grossraumwagens an.

Die Zeitung fliegt mit einem gekonnten Schwung (bis zum Abwinken am Wochenende geübt) auf das Tischchen. Schon mal ein Viertel des gesamten Platzes belegt.  Plakativ oder schon eher provokativ wird der Laptop ausgepackt, auch auf den Tisch gestellt, dabei die Zeitungnoch weiter in den Bereich des Gegenubers geschoben. Die Dame schiebt leicht brüskiert ihre Siebensachen zusammen. Wenn Blicke töten könnten,  gäbe es jetzt einen herrenlosen Laptop im Zug. Aber der Herr von (einer besseren) Welt ignoriert diesen Blick geflissentlich. Er verkabelt seinen Laptop, holt sich sein Apfelphone raus (was denn sonst?), und macht es sich auf dem Sitz bequem. Die Beine leicht gestreckt und ein wenig breitbeinig sitzt er da, der Restvder Vierergruppe hat sich schon längst aufs Minimum in puncto Platzbedarf beschränkt. Der Trolley bleibt natürlich neben dem Sitz im Gang stehen, für schnelen Zugriff vorbereitet.
Kaum gesessen geht es los mit dem ersten Akt von „ich bin Wichtig“: Schnellhefter werden aus dem Trolley geholt, der Rechner aktiviert und dann wird mit viel „Wind“ geblättert,  getippt, gewerkelt. Keine zwei Minuten später kommt das Smartphone zum Einsatz, um mit einer nicht zu überhörenden Stimme einige Anrufe zu tätigen.  „Hallo, uch bin hier im Zug, die Verbindung ist schlecht,  also nicht wundern, wenn ich plötzlich weg bin“…. „Hallo, ich nochmal,die Verbindung war plötzlich weg….“
Es geht weiter mit Anweisungen an Renate, die doch bitte gleich (abends um halb sieben) nochmal bei Hans anrufen soll, da stimme was in dem Angebot nicht.
Pausenloses Wichtiggelaber eines Möchtegern-Managers in der Ruhezone der zweiten Klasse eines ICEs. Und warum bucht sich so einer die Ruhezone? Dort genießt er die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. Was ihm entgeht, weil er doch so Selbstverliebt ist: Alle nerven sich, aber keiner bietet diesem Typen die Stirn. Er sieht einfach so aus, als ob er da dann auch nochmal ne Performance daraus machen würde,  wenn ihn jemand anspricht.
Was er nicht weiß: Er hat dazu beigetragen,  dass sich alle in seiner Umgebung auch ohne Worte einig sind.

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  1. Warum fährt Herr Möchtegern eigentlich 2. Klasse?

  2. Ich glaube, manche Menschen werden nur geboren, um andere zu nerven 😁

    • Das Blöde ist, dass die Typen es auch schaffen, uns zu nerven. Da müssen wir dran arbeiten….

      • Laut miteinander verbünden. Manchmal trau ich mich in solchen Situationen und mach den Mund auf. Dann gibts zudtimmendes Gemurmel. Das immerhin bestärkt. Ob der andere dann sein Verhalten ändert, passiert nicht oft. Aber Klappe halten nagt nur an einem selber. Grüsse Kat. (Kommt bei mir aber immer auch auf meine Stimmungslage an 😊)

  3. Also, ich würd inzwischen was sagen. Ich finde das sehr sehr wichtig, in solchen Fällen was zu sagen. Was übt der da für eine Macht aus, mit welchem Recht? Achja, weil er kann, weil wir in der zivilisatorischen Trance eben still und lieb sind.
    Nö.
    Es kommt auch vor, dass ICH dann die Böse bin, wenn ich was sage. Vorher sind sich unausgesprochen alle einig, aber was zu sagen, das ist dann doch ein zu krasser Tabubruch.

    UND ich übe, freundlich etwas zu sagen. Höflich, freundlich und sehr klar. DAS ist die Weisheit, und die Gelassenheit, die da zu üben ist, finde ich. Grenzen zu ziehen und dabei nicht eklig zu werden. Ist nicht einfach, und wenn ich es schaffe, ist der Effekt sehr heilsam.

    • Absolut lobenswert. Vor allem, nicht ausfällig zu werden, egal wie sehr man innerlich kocht…

    • Ich möchte mich erst einmal entschuldigen, dass ich den Kommentar erst jetzt frei geschaltet habe. Ich habe ihn schlicht und ergreifend übersehen.

      Und: 100% einig mit dem Kommentar. Wir sind oft viel zu ruhig und ärgern uns in uns hinein, weil wir „Ruhe und Frieden“ wollen. Ich frage mich aber, ob wir nicht das Falsche machen. Deshalb ist das „höflich, freundlich, klar“ eine sehr gute Antwort auf solche Gegebenheiten. Danke für den Beitrag

      • Heh, alles gut, ich hatte den Kommentar ganz vergessen 🙂 Kam ja auch spät.

        Ich übe das beides – überhaupt was zu sagen und dabei klar und freundlich zu sein.
        Seit ich den Kommentar geschrieben habe, ist mir noch mehr bewusst geworden, wie sehr unser Schweigen den unheilsamen Konsens nährt.
        Z.B. zu Mobbing hat ein erfahrener Coach und Therapeut, der oft mit Mobbing Opfern arbeitet, erklärt, dass nicht die Täter das Problem sind, sondern die schweigende Masse.

        Jo, wir ham zu tun, und das Schöne ist: Wir können etwas tun! Das ist ermächtigend. 🙂

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